15/15 Sehen — warum ich mit dieser App angefangen habe

Ich habe zwei stark sehbehinderte Menschen in meiner Familie. Und ich bin selbst betroffen — Farben tragen für mich oft wenig Information. Deshalb ist Sehen nicht aus egoistischen Gründen die erste App der Reihe, sondern weil ich hier direkt mitreden kann. Ich weiß wie es ist, wenn ein Hinweis in Schrift- oder Bildform kein Hinweis ist, weil man ihn gar nicht erst erkennt.

Icons sind kein Zugang

Viele Apps haben Icons und halten sich für barrierefrei. Aber was bringt ein Icon jemandem der es nicht erkennt — und dessen Position sich beim nächsten Update sowieso wieder ändert? Wer nicht selbst betroffen ist, tut sich schwer, sich in diese Herausforderung wirklich hineinzuversetzen. Es geht nicht um den Haken auf der Checkliste — „wir haben ja was gemacht“. Es geht um echte Zugänglichkeit. Und die fängt erst dort an, wo ein Icon allein nicht mehr reicht.

Was im Kopf war beim Bauen

Alltägliche Situationen in denen Sehen gebraucht wird, aber gerade nicht zur Verfügung steht: eine Verpackung im Supermarkt, ein Brief im Briefkasten, ein Raum den man betritt und nicht kennt, ein Gegenstand den man sucht aber nicht ertasten kann.

Was heute schon funktioniert

  • Text vorlesen (OCR) — Kamera drauf halten, die App liest laut vor was geschrieben steht
  • Szene beschreiben — die App beschreibt was gerade vor der Kamera zu sehen ist
  • Objekt finden — gezielt nach einem bestimmten Gegenstand im Sichtfeld suchen lassen
  • Produkt-Scan — Verpackungen erkennen und benennen
  • Licht/Farbe erkennen — für alle, bei denen Farbe wenig oder keine Information trägt
  • Kamera-Lupe — Zoom, Kontrastfilter, Beleuchtung für Restsehvermögen

Alle sechs Modi sind echt, kein Mockup. Verifiziert auf zwei Testgeräten (Galaxy S23 und S25).

Warum das die schwerste Baustelle ist

Sehen ist komplex — auch moderne KI-Modelle tun sich mit der Interpretation von Bildern schwer. Und ohne Partner aus der KI-Industrie haben wir in dieser frühen Phase nur begrenzten Zugang zu den wirklich guten Modellen und der passenden Hardware. Genau deshalb ist hier die Baustelle am größten, ehrlich gesagt.

Aber selbst wenn nur die Lupenfunktion allein übrig bliebe: die kann einem den Tag retten. Manchmal reicht genau das.

Diese Serie: Teil 1 — Warum ich diese Apps baue · Teil 2 — Barrierefreiheit ist kein Nice-to-have